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02. Feb. '12
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Roger Willemsen : " Ich nehme die Orte persönlich "
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...ich auch :-)

und bekomme Fernweh an einem trüben Mittwochmorgen im Februar ...

NEWS.DE -Redakteur Sven Wiebeck mit Gespräch mit Roger Willemsen

Herr Willemsen, sind Sie ein ruheloser Mensch oder ein rastloser?

Willemsen: Ich bin eher ein rastloser. Im Motto zu meinem letzten Buch (Die Enden der Welt, Anm. d. Red.) erkläre ich mir meine Rastlosigkeit so: Ich muss reisen, denn ich habe noch nicht jedes Zuhause gesehen. Insofern ist mir manchmal danach, als wolle ich in alle wirklichen Stätten Vertrautheit bringen oder mir das Fremde soweit anvertrauen, dass ich auf diese Weise rastlos bin.

Sie haben in Bonn, Florenz, München und Wien studiert und währenddessen bereits als Reiseleiter gearbeitet. Überall?

Willemsen: Nein, in Italien. Hauptsächlich in der Toskana und Umbrien. Das waren Kunst- und Wanderreisen, und man führte dann die Leute zu einem Teil durch die Museen und Kirchen und versuchte, sachverständig über Kunst zu reden.

Man versuchte es oder konnte es auch?

Willemsen: Das konnte man auch, denn ich habe das ja studiert. Ich hatte einen Auftrag am kunsthistorischen Institut in Florenz und habe später auch zwei Kunstreiseführer geschrieben – über die Marken und die Abruzzen. Insofern kann ich wohl für mich in Anspruch nehmen: Da wusste ich, worüber ich rede. (lacht)

Sie haben sich mit dem Thema «unterwegs sein» also schon sehr früh beschäftigt, auch in Südostasien und London gelebt. Warum sollte der Mensch reisen?

Willemsen: Der Mensch könnte sich anziehen lassen. Einmal von der Aussicht, sich selber zu verwandeln. Und zwar dadurch, dass er Zonen betritt in seinem eigenen Innenleben, die er ohne die Reisen nicht betreten hätte. Er liefert sich Zuständen des Ekels, der Angst, der Langeweile, des Nicht-Verstehens aus, und gleichzeitig konfrontiert er sich ganz objektiv mit anderen Gebräuchen. Mit anderen Formen zu trauern, zu trösten, zu lieben, albern zu sein, Humor zu entwickeln und so weiter. In all diesen Punkten gibt es Formen der Selbsterneuerung. Und dann ist es aber so, dass man die reale Vielfalt der Lebensformen eigentlich nur kennenlernen kann, indem man in sie eintritt. Das heißt auch, er sollte im Staub eines nordafghanischen Dorfes ebenso geschlafen haben wie in einer Hütte in Polynesien oder so.

Das heißt, es gibt einen Unterschied zwischen Touristen und Reisenden.
Willemsen: Ja, den mache ich schon. Der Tourist ist eigentlich derjenige, der die Augenblicksberührung sucht, der immer gern ein Foto machen möchte. Er lebt also im Lidschlagtempo. Er sagt «ich und der Eiffelturm», «ich und die Rialto-Brücke», «ich und der Assuan-Staudamm». Und der Reisende will eigentlich eher noch verschwinden in den Räumen, will unsichtbar werden, will die Orte sehen, wie sie immer sind – auch wenn er selber nicht da ist.

Also geht es auch um Selbstverlust, um letztlich sich selbst zu finden?

Willemsen: Ja, ganz recht. Die Möglichkeit, selber vollkommen zu verschwinden, unscheinbar zu sein, sich zu verlieren, ist eine Bedingung dafür, sich selber zu gewinnen. Und in einem anderen Sinne tatsächlich, ja, sich zu besitzen. Um «ich» sagen zu können.

Gibt es die eine perfekte Art zu reisen, um dies zu erreichen?

Willemsen: Wissen Sie, das Entscheidende wäre, glaube ich, sich treiben zu lassen. Wie der Flaneur, der entweder durch die Großstädte zieht und nicht die Sehenswürdigkeiten miteinander verbinden will, oder in der Ferne ankommt und sagt: Ich lasse mich treiben. Und da wo Spannung ist, da bewege ich mich hin. Ich synchronisiere mein Innenleben auch mit der eigenen Erschöpfung, der eigenen Neugier, mit der äußeren Bewegung, als dass ich mich leiten lasse von der unterstellten Bedeutung, die Orte haben. Das hat mir immer am meisten bedeutet.

Aber Sie können auch verstehen, wenn das dann vielleicht ein Gefühl der Unzufriedenheit hervorruft? Wenn man drei Dinge sehen will und es am Ende nur für eins gereicht hat, weil man sich hat treiben lassen?

Willemsen: Ja, das könnte passieren, dass man sagt: Mensch, ich habe die Blaue Moschee verpasst. Aber das Wichtige ist am Ende doch, dass Sie etwas in Ihrem Innenleben finden, das der Blauen Moschee entspricht. Das heißt, die Menschen unterstellen ja, wenn sie jetzt in die Blaue Moschee eintreten, dass sie von tiefer innerer Erschütterung befallen sind. Das Peinlichste auf Reisen ist, nicht erschüttert zu sein. Die Mona Lisa nicht aufregend zu finden. Und dann sagt man sich: Eine Szene, eine Umarmung, ein Duft irgendwo hat mir mehr Wirklichkeit zugefügt, als es das größte Kunstwerk getan hat. Der Tourist sagt immer – natürlich auch weil er seinen Jahresurlaub dort verbringt: Lass mich nicht im Stich Sehenswürdigkeit, du sollst mich gefälligst erschüttern müssen. Und dann steht er davor und ist ein wenig ratlos.

Das heißt, es geht am Ende nur um die Geschichten, die Situationen, Ereignisse?

Willemsen: Ja, genau. Ich nehme die Orte persönlich. Ich finde immer, dass ich wirklich nur dagewesen bin, wenn ich den Ort von allen anderen unterscheiden kann, die ich sonst gesehen habe. Für mich wäre es das Schlimmste, wenn die Leute sagen würden, die Landschaften, die lesen sich ja überall gleich.

Haben Sie so etwas wie einen Lieblingsort? Wohin Sie vielleicht sogar auswandern würden?

Willemsen: Lieblingsort? Es gibt mythische Orte, die mich immer wieder angezogen haben. Das ist auf der einen Seite Timbuktu, die Karawanenstadt im Norden von Mali. Und dann ist es auf der anderen Seite – so komisch das klingt – Tokio. Ich bin immer wieder nach Tokio gereist. Mit der Stadt konnte ich beim ersten Besuch überhaupt nichts anfangen, ich war einsam und unbeantwortet, und dann habe ich nach und nach nur noch hineingestaunt und bin immer wieder hingefahren. Aber das ändert sich auch mit der Lebenszeit. Jetzt könnte ich mir wahrscheinlich schon wieder andere Orte überlegen: Vielleicht wäre es in diesem Moment gerade Odessa?

Wenn Sie die Wahl hätten zwischen einer musikalischen, literarischen oder filmischen Weltreise, für welche würden Sie sich entscheiden?

Willemsen: Das ist ulkig, dass Sie mich das fragen. Weil ich nämlich mit den Berliner Philharmonikern ab Herbst eine neue Reihe mache mit dem Titel «Unterwegs». Im Rahmen dieser versammle ich die Weltmusik und darf viermal im Jahr einen ganzen Abend gestalten. Wir planen zunächst für zwei Jahre. Und der erste Abend wird einer über Nomaden und die Musik der Nomaden sein. Im Moment wäre es also wahrscheinlich in der Tat die Musik. Wobei ich auf der anderen Seite sagen muss, dass die Literatur natürlich nach wie vor das Medium ist, in dem ich zuhause bin.

Wo wird Sie diese musikalische Reise noch hinführen?

Willemsen: Wir wollen auf jeden Fall etwas über Klöster und die Musik der Klöster machen. Eine Reise quer durch Afrika oder Südamerika kann ich mir ebenfalls sehr gut vorstellen. Aber das wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Und warum keine literarische oder filmische Erfahrungsreise?

Willemsen: Das reizt mich weniger, weil ich sage: Die Realität dieser Orte liegt tatsächlich im Text, und ich würde nicht mehr überprüfen wollen, wie das da wirklich aussah. Am Ende ist man enttäuscht, wenn man an die Orte der Handlungen kommt.

http://www.news.de/medien/855117703/ein-biotop-unterhalb-von-verona-pooth/1/
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Bix
schrieb am 02. Februar 2011 um 14:13 Uhr
Bix
Frage: Gibt es die eine perfekte Art zu reisen, um dies zu erreichen?
Willemsen: Wissen Sie, das Entscheidende wäre, glaube ich, sich treiben zu lassen.

Ganz, ganz genau!!!!! Einfach treiben lassen, abwarten, wo es einen hin treibt, fühlen, sehen, hören, eins werden...

Tolles Interview, Danke, Annette Maria!!
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flowerofchange
schrieb am 04. Februar 2011 um 09:15 Uhr
flowerofchange
Hallo liebe Bix ,


...geht bei mir gar nicht anders um ein Gefühl für das Land und deren Leute zu bekommen . Weg vom Mainstream wandere ich viel lieber auf den Streitenstraßen einer Großstadt und entdecke dort wie die Menschen tatsächlich leben... Besonders ist mir das in Florenz aufgefalllen. Nur eine Straße weiter "seitlich" wude es plötzlich menschenleer , still & schattig , geradezu entspannend.

Ich entdecke eine Region gern mit allen Sinnen und schaue was sie mit mir macht ...

Übrigens , ich fotografiere so gut wie gar nicht mehr auf Reisen, damit ich den Moment so erleben kann , wie er sich mir darstellt .

Liebe Grüße
Annette Maria
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Ulla mit Shivai
schrieb am 03. Februar 2011 um 13:30 Uhr
Ulla mit Shivai
He got it!!!
thanx for that!
Ulla
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flowerofchange
schrieb am 04. Februar 2011 um 09:46 Uhr
flowerofchange
Hallo liebe Ulla,

nun hast du wohl schon so einige Male den Globus umkreist und unterwegs viele Erfahrungen sammeln können ...

Wirst du auch in deinem neuen Lebensjahr weiterhin "auf Achse" sein ?

Und, reisen Frauen anders als Männer ?


Herzlich grüßt
Annette Maria
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