In der jüngsten Spiegel-Ausgabe (47/2010) vom 22.11.2010 wird die Homöopathie – gegründet um 1800 – als mittelalterliche Quacksalberei dargestellt. Die wachsende Verbreitung der Homöopathie in Praxen, Hochschulen und Kliniken ruft Widerstand hervor. Auch, dass immer mehr Ärzte die Weiterbildung Homöopathie absolvieren und sich immer mehr Patienten für sie interessieren, ruft bei ärztlichen Kollegen, die die Homöopathie in der Vormoderne verorten, Entsetzen hervor. Selbst sind diese Kollegen aber offenbar noch nicht in der Postmoderne angekommen.
Die extreme Abwehr des Spiegels und die Polemik, die sich stellvertretend an Bundesärztekammerpräsident Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe entlädt, ist vor diesem Hintergrund zu sehen, Hoppe steht in seinem Wirken als Kammerpräsident für den Dialog der Medizinrichtungen. Es zeichnet sich ein Paradigmenwechsel in der Medizin ab. Weg von einer seriellen Medizin, die mit standardisierten Therapiekonzepten definierte Krankheiten behandelt, hin zu einer individuellen Medizin, die den Blickwinkel nicht auf einzelne Organe und Krankheiten verengt, die den kranken Menschen als Einheit begreift. Das scheint zu verunsichern. Selbst innerhalb der konventionellen Medizin wird inzwischen Unbehagen formuliert, ob der zunehmenden Verengung des eigenen Blickwinkels und der Endlichkeit der Therapiemöglichkeiten. Die häufigen chronischen Erkrankungen sind durch die konventionelle Medizin nicht heilbar. Dabei steigen die Kosten des Gesundheitssystems kontinuierlich, ohne dass dem eine entsprechende Steigerung von Gesundheit gegenüber steht. In der Bevölkerung herrscht eine weit verbreitete Unzufriedenheit gegenüber einer Medizin, die als apparateorientiert, mechanistisch und unpersönlich erlebt wird. Gewünscht wird die Kooperation von konventioneller und individueller Medizin (wie anthroposophischer Medizin, Akupunktur oder Homöopathie). Eine moderne Medizin hält Intensivstationen und individualisierte Therapieverfahren bereit. Das ist, was die Patienten erwarten und was zunehmend auch in universitären Ambulanzen praktiziert wird. Und das ist ebenso das, was in der täglichen Praxis stattfindet. Fast 60 Prozent der Hausärzte praktizieren eine oder mehrere Methoden der Komplementärmedizin. Etwa 60.000 Ärzte haben eine Zusatzbezeichnung in Naturheilverfahren, Homöopathie, Akupunktur oder in Chirotherapie.